REISEN & SPEISEN IM PIEMONT, REZEPTE

Haselnussherbst im Piemont & Rezept Haselnuss-Supercreme

13. October 2016

Was hat die Haselnuss mit Napoleon zu tun? Wer ist Italiens Willi Wonka? Und wie macht man weltallerbeste Haselnusscreme?

Nocciole piemontese Tonda gentile delle Langhe Haselnuss Piemont piemontesische Haselnüsse

Typisch Piemont: Haselnüsse

Mit diesem Post nehme ich an der Foodblogger Blogparade VeggieKochevent – Herbst 2016 des vegetarischen Blogs einfache-rezepte-kochen.de teil (hooooray! Meine erste Blogparade). Ich freue mich sehr, dadurch neuen Lesern das Pizzawürstel-Blog vorzustellen und sie mit Rezepten, Kuriositäten und Geschichten aus Italien zu versorgen.

Und da hier nicht gekleckert, sondern geklotzt wird, tische ich nichts Geringeres auf, als das Rezept zur weltallerbesten Haselnusscreme. Der Haselnuss-Supercreme. Aus der Königin der Haselnüsse: La Tonda Gentile delle Langhe. Aus dem Königreich der Haselnuss-Anbauer: dem Piemont. Und als Beilage gibt es ein bisschen Geschichte der Haselnuss im Piemont (wer also nur an dem Rezept interessiert ist, der darf runterscrollen).

Viel Spaß und buon appetito.

Haselnuss-Ernte im Spätsommer

Im Piemont beginnt jetzt die Haselnusszeit. Im Spätsommer wurden die kostbaren Nüsse, die zu Zillionen im Piemont angebaut werden, geerntet. Das Zeitfenster für die Ernte ist kurz: Bestenfalls haben ein paar Spätsommerwinde die Nüsse von den Sträuchern gefegt, so dass sie auf dem trockenen Boden liegend in der Sonne nachreifen ohne von den herabfallenden Blättern bedeckt oder vom Schmuddelwetter durchfeuchtet zur werden.

Haselnuss Piemont Nocciola piemontese Tonda Gentile delle Langhe

Haselnusshain im Piemont, kurz vor der Ernte

In diesem Jahr konnte man Ende August/ Anfang September in den Hügeln des Piemont dem Sound der Ernte lauschen: Unzählige Nuss-Sauger fuhren über die getrocknete Erde der Haselnusshaine, einverleibten sich den Bodenbelag, zentrifugierten und bepusteten die Beute und spuckten Ästchen, Blätter und hohle Nüsse wieder aus. Was übrig bleibt ist der Stolz des Piemonts: die goldbraune große Piemont-Haselnuss. Die Königin der Nüsse. Die unverzichtbare Zutat eines jeden Weihnachtsbäckers. Die Haselnuss mit dem schönen Namen „Tonda Gentile delle Langhe“: Sanfte Runde aus den Langhe. Sie ist die beliebteste Art der I.G.P.-geschützten piemontesischen Haselnuss.

Haselnüsse überall

Ab Herst dreht sich alles um das goldbraune Nüsschen, das zu Eis, zu Kuchen, zu Keksen, zu Brot und zu Haselnusscreme verarbeitet wird. Die Piemonteser sind ganz schön stolz auf ihre Haselnüsse. In der Piemont-Meile auf dem weltgrößten Gastro-Event, dem Salone del Gusto in Turin, präsentierten nicht weniger als fünf Stände ausschließlich Haselnüsse und Haselnussprodukte. Die pasticcerie der Region fangen jetzt im Oktober an, frische Haselnussmehl zu tausend verschiedenen Köstlichkeiten zu verarbeiten.

Haselnuss Piemont Nocciola piemontese Tonda Gentile delle Langhe

Haselnuss-Stand auf dem Salone del Gusto 2016

Und die Preise für die nocciole können sich sehen lassen. Für ein Kilo Haselnüsse zahlt man fünf bis sechs Euro. Die gerösteten und abgepellten Haselnusskerne werden vakuumisiert für 7 Euro in 250-Gramm-Beuteln angeboten. Hui! Bedenkt man allerdings die etwas umständliche Ernte und vor allem das darauffolgende Knacken, Rösten und Pellen, ist der Preis gerechtfertigt.

Warum sind die Piemonteser so haselnussverrückt?

Als ich das erste Mal den piemontesischen Haselnuss-Herbst miterlebte  (in dem meine Schwiegerfamilie und sämtliche Verwandte meines Mannes die familieneigenen Haselnuss-Sträucher mühsam von Hand abernten, die Nüsse zum Trocknen in der Sonne ausbreiten, tagelang um den Tisch versammelt mit uralten Nussknackern ausgerüstet Nüsse knacken und sich gegenseitig mit Haselnusstorte, Nocciolini und Haselnusscremes überbieten), fragte ich mich, was denn so besonderes an dieser Nuss ist. Und wie ist diese Haselnuss-Manie über die sonst doch eher phlegmatischen Piemonteser gekommen?

Mein Mann gab mir faraufhin einen seiner gefürchteten Food-Vorträge. Ungefähr so:

Haselnuss-Schoko Praline Turin Italien Gianduiotti

Klassiker: Gianduiotti der Marke Novi

„Gianduia haben wir tatsächlich den Franzosen zu verdanken. Napoleon embargierte die Einfuhr von Produkten aus den französischen Kolonien. Also kam auch kein Kakaoapulver und somit keine Schokolade nach Italien. In Turin thronten die Savoyers und die königliche Familie war ganz schön angepisst, dass sie keine Schokolade trinken konnten. Ein gewiefter Turiner Hof-Chocolatiers streckte das Kakaopulver mit Haselnüssen. Das gab ein Like vom König. Mitte des 19. Jahrhunderts kam ein Chocolatier auf die geniale wie einfache Idee, die Haselnüsse zu rösten und dann zu mahlen. Und kreierte somit eine cremige Paste, haselnuss-ocker-braun, ölig und unglaublich lecker. Beim Turiner Karneval wurde dann das Pralinchen von dem Turiner Karnevalsmaskottchen, dem Gianduja, verkauft. Und somit erhielt sie ihren Namen: Gianduiotto. Die Haselnuss-Schoko-Praline wurde zum Markenzeichen der Stadt Turin und immer mehr Haselnusssträucher wurden angebaut. In den Langhe verdrängte die Nuss sogar den Wein, weil: einfacher zu handhaben und nicht so anfällig gegen Viechzeuch. Die piemontesische Supernuss heisst, und das weiß jedes Kind hier, Tonda Gentile delle Langhe: Die sanfte Runde aus den Langhe. Und einhundert Jahre nach der Erfindung des Gianduiotto, ersann der bis dahin unbedeutende Konditor Piedro Ferrero die „Pasta Gianduja“. Dann gründete er in Asti Ferrero und verkaufte seine Erfindung ein paar Jahre später als „Supercrema“ und seit 1964 als „Nutella“. Angeblich war Segnor Ferrero ein sehr beliebter und stets fairer Arbeitgeber. Der Willi Wonka Italiens, sozusagen.“

Das ist also die Geschichte der Piemont-Haselnuss, in a nutshell (HAHAHA!!!!)

Weltbeste Haselnuss-Supercreme

Und nachdem ihr euch jetzt durch diesen ganzen Infotext gelesen habt, gibt es zur Belohnung das unglaublich einfache Rezept für die weltbeste Haselnusscreme. Diese Creme ist so gut, dass das arme Aschenbrödel nur beschämt zur Seite treten kann. Aus ihren drei tschechischen Haselnüssen zauberte sie Jagdtgewand, Ballkleid und Hochzeitskleid. Wir zaubern aus den piemontesischen Haselnüssen die weltbeste königliche Haselnuss-Supercreme – die übrigens genau 7,3 mal so lecker ist wie Nutella. Denn Nutella enthält nur 13 Prozent Haselnüsse und unsere Haselnuss-Supercreme enthält 95 Prozent! Ausserdem besteht (ausgerechnet!) Nutella aus türkischen Haselnüssen. Tz tz tz…

Wohlan:

REZEPT FÜR ZWEI GLÄSER 95%IGE HASELNUSS-SUPERCREME

  • 500 GR PIEMONTESISCHE HASELNUSSKERNE
  • 5 GR KAKAOPULVER
  • 20 GR HONIG (Veganer nehmen Agavendicksaft oder Zuckerrübensaft)

Zuerst müssen die Haselnüsse von der braunen Haut befreit werden, sonst erhaltet ihr Haselnussmehl und keine Crema. Hier das erprobte Familienrezept für stressfreies Rösten und Pellen:

Die Haselnusskerne auf einem Backblech ausbreiten und bei 200 Grad im Ofen (Umluft) fünf Minuten rösten, dann mit einem Holzlöffel sanft umrühren und weitere zwei Minuten rösten. Dann rausnehmen und abkühlen lassen. Nun kann das Häutchen einfach abgerubbelt werden.

Die so behandelten Nüsse im Standmixer mit viel Ausdauer mahlen. Nach acht bis zehn Minuten kann man beobachten wie das Haselnussmehl zu einer öligen Paste wird. Nun Honig und Kakaopulver hinzufügen und alles nochmal gut vermischen. (Wer unbedingt muss, der kann auch noch ein paar Stückchen dunkle Schokolade hinzufügen oder mit Honig und Kakao experimentieren.)

In zwei Schraubgläser abfüllen und eccolo: Haselnuss-Supercreme 95 Prozent.

zubereitung Haselnuss-Supercreme: so einfach wie lecker

Zubereitung Haselnuss-Supercreme: so einfach wie lecker

Nun könnt ihr damit jeden Morgen euer Toast bestreichen, Torten füllen, Plätzchen backen oder die Kinder mit einem herbst-untypischen Nachtisch beglücken und aus gefrorenen Bananen und einem Klecks Supercreme ein köstliches Haselnuss-Eis herstellen.

Oder einfach heimlich, wenn der Rest der Familie nicht hinguckt, pur essen.

So mach ich das.

 

Buon appetito und einen genussreichen Herbst wünscht

Frau Pizzawürstel

*wo kriegt man die piemontesischen Haselnüsse her? Entweder man muss sie online teuer kaufen (am günstigsten gibt’s sie noch bei ebay), beim Edelbäcker/Konditor nachfragen oder im italienischen Supermarkt aufspüren. Am billigsten kommt man dran, wenn man das Glück hat einen Piemonteser zu kennen. Die Chance, dass sich in der Verwandtschaft eines beliebigen Piemonteser Haselnusshain-Besitzer befinden ist recht hoch. Dann ein bisschen an den Nationalstolz apellieren (“Ich habe gehört ihr habt die besten Haselnüsse der Welt? Ich dachte das wären die türkischen…?”) und er  oder sie bringt als Beweis dann bestimmt gerne einzwei Kilo Haselnüsse zum Selberknacken vorbei… 

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